Motivation, Triebe und Bedürfnisse neu erklärt
Motivation neu betrachtet
Die falsche Theorie vom unmotivierten Menschen
“To be motivated means to be moved to do
something. A person who feels no impetus or inspiration to act is thus characterized as
unmotivated, wheras someone
wo is energized or activated toward an end is considering motivated.”
(Ryan & Deci 2000, S. 54)
• Grundsatzfrage: Gibt es wirklich unmotivierte, ziellose Menschen?
Was ist, wenn Ihr Schreibtisch überquillt, Sie aber keine Lust zum Aufräumen haben? Sind Sie, wenn Sie den Schreibtisch nicht aufräumen wollen, wirklich “unmotiviert”? Oder sind sie, im Gegenteil, nicht mehr oder weniger hoch motiviert, nicht aufzuräumen, also “energized toward an end” nichts zu tun?
Wir sind der Überzeugung, dass es keine unmotivierten Menschen gibt! Menschen sind zu jedem Zeitpunkt bewusst oder unbewusst zielorientiert (siehe auch Freud 1992, Roth 20011,2) und damit bewusst oder unbewusst motiviert, sich genau so zu verhalten, wie sie sich verhalten!
• Beispiele:
Ich liege jetzt faul herum, weil ich jetzt zum Ziel habe = weil ich jetzt motiviert bin, mich auszuruhen!
Ich drücke mich vor der Arbeit, weil ich jetzt zum Ziel habe = weil ich jetzt motiviert bin, nicht zu
arbeiten!
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Die falsche Theorie von der extrinsischen Motivation
• Grundsatzfrage: Gibt es extrinsische Motivation?
Die Attributionstheorie besagt, dass die Dinge und Ereignisse selbst
wertneutral sind (vergl. Epiktet), wir den Dingen und Ereignissen jedoch
Ursache - Wirkungs - Beziehungen und Bedeutungen zuordnen (vergl. Epiktet,
Kelley1972, Kelley1978, Weiner 1974). Dinge und Umweltzustände können nur
dann starke Reize zum Handeln vermitteln, wenn sie auf eine bestimmte
interne Motivationslage treffen. Weil diese individuell verschieden sein
kann, lässt den einen völlig kalt, was dem andern sehr erstrebenswert
erscheint.
Motivation ist das ununterbrochen wirkende Streben in uns Menschen,
zu jedem Zeitpunkt in völliger Übereinstimmung mit unserer Trieb- und Bedürfnisstruktur leben zu wollen, als
Voraussetzung, um sich glücklich zu fühlen und Unglücklichsein zu vermeiden.
Die Frage, die sich uns daher permanent stellt, wenn wir mit irgendwelchen
(extrinsischen) Dingen in Berührung kommen, lautet: Taugt dieses
Geschehen / die Sache / der Mensch zur Befriedigung meiner Bedürfnisse?
Je nachdem, wie diese Beurteilung ausfällt, wenden wir uns den
Dingen zu, wir wenden wir uns von ihnen ab, oder wir stellen uns dagegen - dann nämlich,
wenn sie Bedürfnisdefizite in uns aufzureissen drohen.
Bei gleicher intrinsischer Motivation, die sich aus unserem Wertesystem
ergibt, können aus der persönlichen Perspektive unterschiedliche
extrinsische Reize / Objekte / Dienstleistungen als ideales Mittel zum Zweck
der Befriedigung dieser Motivation dienen. Aus genau diesem Zusammenhang
resultiert die Produktvielfalt in den Läden.
Zur Befriedigung des Geltungstriebes taugen eben dem einen ein Porsche und
dem andern ein Mercedes oder BMW und das in unterschiedlichster
Ausstattung: Die gleiche intrinsische Motivation verschiedener Käufer
reagiert unterschiedlich auf die verschiedenen extrinsischen Reize, da diese
jeweils unterschiedlich als geeignetes Mittel zum Zweck beurteilt (attribuiert)
werden können!
• Beispiel 1:
Sie wollen, dass irgend ein Mensch einen Brief für Sie zum 500m
entfernten Postkaten trägt. Sie stellen sich an die Strasse und suchen nach
einem Träger.
Der erste der vorbeikommt, ist ein Millionär. Sie bitte ihn, Ihren Brief
zum Postamt zu tragen und bieten ihm dafür 100 € an. Wie wird er wohl
reagieren? Der zweite der vorbeikommt, ist ein 15 Jahre alter Schuljunge,
aus bekannt ärmlichem Elternhaus. Sie bitte ihn, Ihren Brief zum Postamt zu
tragen und bieten ihm dafür 10 € an. Wie wird er wohl reagieren?
Während der Millionär mit grösster Wahrscheinlichkeit sich einen Deut um
ihr Angebot kümmern wird, da seine intrinsische Motivation die 100€ mit
hoher Wahrscheinlichkeit nicht als extrinsische Quelle einer
Bedürfnisbefriedigung identifiziert, haben sie bei dem Schuljungen eine
fast 100%-Chance. Seine intrinsische Motivation danach, das Leben ebenfalls
geniessen zu wollen, sich etwas leisten zu können, wird eher den Geldschein
als extrinsisches Medium bewerten, das seine intrinsische Motivation
befriedigen kann.
• Beispiel 2:
a) Jemand erzählt einen wirklich guten Witz.
Sie sind gerade sehr gut gelaunt. Wie werden Sie wohl auf den Witz reagieren?
Wahrscheinlich mit grossem Gelächter.
Ist das nun ein Zeichen für extrinsische Motivation?
b) Jemand erzählt einen wirklich guten Witz.
Sie sind gerade sehr niedergeschlagen und traurig, da ein guter Bekannter gestorben ist. Wie werden Sie wohl auf den Witz reagieren?
Ebenfalls mit grossem Gelächter?
• Beispiel 3:
Sie sind sehr hungrig, essen sehr gerne Äpfel und vor Ihnen steht ein Korb mit wunderbar
saftigen Äpfeln, frisch vom Baum. Werden Sie nun extrinsisch motiviert sein, Äpfel zu essen? Wenn ja,
wie viele?
Einen, zwei, fünf, zehn, fünfzig?
Heinrich Gossen formulierte bereits 1854 das Gesetz vom abnehmenden
Grenznutzen, das zeigt, dass es extrinsische Motivation nicht geben kann.
Die Dinge sind neutral: wir geben ihnen die Bedeutung, die wir für
richtig halten. Daraus folgt für uns, dass alle Motivation intrinsischer
Natur ist, die durch extrinsische Mittel in der Regel entweder überhaupt
nicht, punktuell, also zeitweise und vorübergehend, im Einzelfall auch
dauerhaft befriedigt werden kann.
Gäbe es eine extrinsische Motivation
• wäre der Mitarbeiter daran schuld, dass er vom Vorgesetzten angeschrieen
wird - er hätte den Vorgesetzten schliesslich extrinsisch motiviert!
• wäre die Frau daran schuld, dass sie vergewaltigt wird - sie hätte den
Vergewaltiger schliesslich extrinsisch motiviert!
• wären die Juden schuld, dass Hitler sie ausrotten wollte - sie hätten den
grössten Feldherrn aller Zeiten schliesslich extrinsisch motiviert!
Wir sehen: Die unseelige Theorie von der extrinsischen Motivation macht
die Opfer zum Täter! Sie gibt jedem Täter ein Alibi für sein
persönliches asoziales Verhalten. Die andern sind immer die Schuldigen.
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Primäre, Sekundäre und Tertiäre Motivation
• Primäre Motivation.
Motivation für eine Aktivität ist, dass man das, was man tut, gerne tut, aber auch abwehrt, was man nicht gerne tut! Verhaltenswirksam ist Aussicht auf Lustgewinn und Glücksgefühle
(vergl. Jevons 1924; Csikszentmihalyi1998) oder die Abwehr von Unlust und Gefühle des Unglücklichsein durch das Tun (siehe auch Jevons 1924).
• Sekundäre Motivation.
Motivation für eine Tätigkeit ist, dass man durch das, was man tut, bestimmte Ziele erreicht, aber auch abwehrt, was eigenen Zielen entgegen steht!
(vergl. Bandura 1986, Locke & Latham 1990). Verhaltenswirksam ist die Aussicht auf Bedürfnisbefriedigung durch Zielerreichung, sowie die Aussicht auf Vermeidung oder Abwehr von Bedürfnisdefiziten, durch Vermeidung oder Abwehr von Hindernissen, die eigenen Zielen entgegen stehen.
• Tertiäre Motivation.
Sie rundet unser Handlungsstreben ab. Lesen Sie näheres dazu in “Der getriebene Mensch.”
Zwei wichtige Punkte:
A) Motivation kann in sich widerstrebend sein!
Beispiel: Viele junge Menschen haben das Ziel, das Zertifikat der Hochschulreife zuerkannt zu bekommen. Sie sind positiv sekundär motiviert. Einige - böse
Zungen behaupten die meisten - verspüren jedoch eine große Unlust, was das Lernen anbelangt! Sie
haben zwar ein Ziel, sind gleichzeitig jedoch für den Weg zum Ziel negativ primär motiviert. Lernen, oder “nicht lernen” und das Leben
genießen, das ist hier die Frage: Je nachdem, welche Motivation stärker ist, wird gelernt oder "das Leben genossen."
B) Motivation kann sich für oder gegen eine Sache richten (vergl. Bandura 1986).
Je mehr eine Tätigkeit an sich Freude bereitet, und gleichzeitig Ziele aus dieser Tätigkeit erreicht werden können, und je wichtiger diese Ziele subjektiv empfunden werden, um so grösser ist die erwartete Bedürfnisbefriedigung und damit der Antrieb, sich der Situation positiv zuzuwenden. Dem wirken mit gleicher Macht negative Ziele entgegen, also alle Zustände, die zu einem Bedürfnisdefizit führen. Überwiegt Bedürfnisbefriedigung, sind die Menschen motiviert, sich der Situation positiv zuzuwenden. Überwiegen Bedürfnisdefizite,
sind die Menschen grundsätzlich zur Vermeidung oder Abwehr der Situation motiviert.
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